Windenergieausbau mit Akzeptanz – Chancen und Herausforderungen für Nordrhein-Westfalen

Wir wollen sicheren, sauberen und bezahlbaren Strom. Die Erneuerbaren Energien garantieren uns künftig alles drei. Vor allem die Windenergie ist eine zentrale Säule im dezentralen Energieversorgungssystem von morgen, das von Bürgern, Landwirten und Mittelstand getragen wird und dessen Grundsteine das Zukunftsprojekt „Energiewende“ bundesweit bereits gelegt hat.

1.766 Windräder wurden in ganz Deutschland im Jahr 2014 neu installiert – ein Rekordwert. Damit drehten sich Ende 2014 fast 25.000 Windenergieanlagen und deckten über acht Prozent des bundesweiten Strombedarfs. Auch in Nordrhein-Westfalen hat  der Ausbau mit 124 Neuanlagen im Jahr 2014 wieder an Fahrt gewonnen. Dennoch profitiert das Bundesland derzeit nur unterdurchschnittlich vom bundesweiten Ausbauboom.  Lag NRW einst beim jährlichen Zubau unter den Top 3, so belegte das Bundesland 2014 im Ländervergleich nur noch einen enttäuschenden 7. Platz. Obwohl auch hierzulande die wichtigste regenerative Energiequelle, werden aktuell nur rund 4 Prozent des nordrhein-westfälischen Stroms mit Windenergie erzeugt. Rund doppelt so viele Anlagen wie 2014 müssten jährlich hinzugebaut werden, um die Ausbauziele der Landesregierung – 30 Prozent Stromanteil aus Erneuerbaren Energien bis 2025 – zu erreichen.

Woher soll unsere Energie von morgen kommen?
Parteien, wie AfD oder FDP, versuchen sich zurzeit auf Kosten des Windenergieausbaus in NRW zu profilieren. Dem bayerischen Irrweg folgend, erheben sie Forderungen nach einer unverhältnismäßigen und willkürlichen Sonderabstandsregel für Windräder: Das 10H-Gesetz, das für die Anlagen einen zehnfachen Höhenabstand zum nächsten Wohnhaus erfordert, würde einen sofortigen Ausbaustopp der Windenergie in NRW bedeuten. Das gleichzeitig von den Parteien geforderte Verbot von Neuanlagen im Wald hieße, die für NRW wichtigste erneuerbare Energiequelle gleich doppelt zu begraben. Da  passt es ins Bild, dass der energiepolitische Sprecher der hessischen FDP die Partei kürzlich zur „Anti-Windkraft-Partei“ erklärt hat. Bei allen Versuchen, mit dieser Polemik über die 5-Prozent-Hürde zu kommen, ist eins klar: Verantwortungsvolle Energiepolitik sieht anders aus. Denn woher soll unsere Energie von morgen kommen? Wollen wir angesichts des globalen Klimawandels wirklich noch jahrzehntelang auf umweltschädliche Technologien, wie Braun- und Steinkohle, setzen? Oder angesichts massiv verteuerter Energieimporte weiterhin auf kostenintensive Lieferungen aus dem Ausland – ohne Wertschöpfungseffekte vor Ort?

Weiterer Windenergie-Ausbau braucht sachliche Debatte
Die Erneuerbaren Energien bieten hier die deutlich bessere Alternative. Dabei muss die Debatte um die Windenergie dringend versachlicht werden, damit der Ausbau unserer Zukunftsenergie Nummer 1 im Dialog mit der Bevölkerung erfolgreich weiter vorangetrieben werden kann. Dass dieser Ausbau Akzeptanz braucht, ist unumstritten. Bereits heute gibt es strenge Auflagen für den Bau neuer Windenergieanlagen. Zudem ist es wichtig, dass Kommunen die Planungen von Beginn an transparent kommunizieren. Dass nicht der Abstand eines Windrads zum nächsten Haus über die Akzeptanz eines Windenergieprojekts entscheidet, sondern vielmehr die Gestaltung des ge-samten Planungsprozesses sowie die grundsätzliche Einstellung  der Anwohner, verdeutlicht eine gestern (12.05.2015) veröffentlichte Studie der „Fachagentur Windenergie an Land“. Insgesamt zeigten sich Anwohner in der Untersuchung nur in geringem Maße in ihren Aktivitäten gestört und erlebten Windräder in ihrem Umfeld kaum als bedrohlich.

Geeigneter politischer und rechtlicher Rahmen nötig
Für den beschleunigten Windenergieausbau braucht es nicht zuletzt einen passenden politischen und rechtlichen Rahmen. Auf Landesebene sind hier vor allem der neue Landesentwicklungsplan, die Regionalpläne sowie die längst überfällige Überarbeitung des Windenergieerlasses entscheidend. Auf Bundesebene blicken wir die für 2017 geplanten Ausschreibungen im Bereich der Windenergie sehr skeptisch entgegen. Wie internationale Vorerfahrungen zeigen, sind Ausschreibungen nicht das richtige Instrument, um einen kostengünstigen und schnellen Ausbau der Windenergie zu sichern, in dem gleichzeitig eine Vielzahl von Akteuren zum Zuge kommt. Erst kürzlich haben die Pilot-Ausschreibungen in der Photovoltaik-Branche die Befürchtungen bestätigt, dass sich Projekte auf wenige (Groß-) Akteure konzentrieren: So sind in der ersten Ausschreibungsrunde über 40 Prozent der Solarstrom-Projekte an ein einziges Unternehmen gegangen. Eine solche Entwicklung gefährdet jedoch die Dynamik und Innovationskraft – und nicht zuletzt die Akzeptanz – der Energiewende in der Bevölkerung.

Chancen der Windenergie für das Energieland Nummer 1
Die Windenergie bietet große Chancen für Nordrhein-Westfalen als wichtigstem Energieland der Bundesrepublik. Sie bietet insbesondere auch Chancen für die hier vom Strukturwandel besonders betroffenen Regionen. Schon heute sind in NRW mit rund 50.000 Personen in der Erneuerbaren-Energien-Branche deutlich mehr Menschen beschäftigt als im fossilen Großkraftwerkssektor der Braunkohle (insgesamt etwa 34.000 direkt und indirekt Beschäftigte) – und das, obwohl die Braunkohle derzeit noch einen rund zehnmal höheren Versorgungsanteil in NRW aufweist als die Windenergie. Das industriell geprägte Energieland Nummer 1 hat zum Beispiel seine Erfahrungen im Anlagenbau genutzt und sich als wichtiges Zentrum der Zulieferindustrie für Windenergieanlagen etabliert: Fünf der weltweit führenden Getriebezulieferer haben hier heute ihren Sitz. Mit höheren Versorgungsanteilen in NRW werden die regionalen Wertschöpfungseffekte und Arbeitsplätze der Windenergiebranche weiter steigen.

Letztlich muss folgendes klar sein: Ohne den beschleunigten Ausbau der Zukunftsenergien, und allen voran der Windenergie, können wir Nordrhein-Westfalen als starken Industrie- und Energiestandort mittelfristig nicht erhalten.

Jan Dobertin   

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